Geschäftsmodell und warum Magnete plötzlich strategisch werden
Magnete klingen zunächst ungefähr so aufregend wie Schrauben. Das ändert sich, sobald man betrachtet, wo Hochleistungs-Permanentmagnete gebraucht werden: Elektroautos, Windkraftanlagen, Industrieroboter, Drohnen, Servomotoren, Rechenzentren, Medizintechnik und Rüstung.
Entscheidend sind vor allem NdFeB-Magnete aus Neodym, Eisen und Bor. Sie besitzen bei geringem Gewicht eine sehr hohe Magnetkraft. Für höhere Temperaturen werden häufig Dysprosium oder Terbium zugesetzt. Daneben gibt es Ferritmagnete für billigere Anwendungen sowie Samarium-Kobalt-Magnete für besonders anspruchsvolle Temperatur- und Luftfahrtanwendungen.
Die IEA bezeichnet Permanentmagnete inzwischen als die schnellstwachsende und strategisch wichtigste Anwendung von Seltenen Erden. Rund 95 % des Wertes der verbrauchten Seltenen Erden entfallen auf Permanentmagnete. Die Nachfrage nach den Magnet-Rohstoffen Nd, Pr, Dy und Tb hat sich seit 2015 bereits verdoppelt und soll bis 2030 noch einmal um rund ein Drittel steigen. IEA
Der Investment-Case ist also:
Elektrifizierung + Robotik + Verteidigung + Versorgungssicherheit = steigender Bedarf an Hochleistungsmagneten.
Das eigentliche Problem: China Hier liegt der vielleicht wichtigste Punkt der gesamten Analyse. Chinas Anteil 2024 betrug ungefähr:
| Wertschöpfungsstufe | China-Anteil |
| Förderung der relevanten Magnet-Seltenen-Erden | 60 % |
| Raffination/Separation | 91 % |
| Herstellung gesinterter Permanentmagnete | 94 % |
Europa ist noch abhängiger: Rund 98 % des europäischen Bedarfs an Seltene-Erden-Permanentmagneten werden durch Importe aus China gedeckt. Binnenmarkt und Industrie
Dass dies keine akademische PowerPoint-Gefahr ist, zeigte 2025. Chinesische Exportkontrollen für schwere Seltene Erden führten zeitweise zu Versorgungsproblemen bei Autoherstellern außerhalb Chinas. IEA
Das erzeugt einen zweiten Wachstumstreiber: USA und Europa wollen eigene Mine-to-Magnet-Lieferketten aufbauen. Und genau dort entstehen derzeit einige der interessantesten Börsenstories.
Bull Case Magnete
- Strukturelles Mengenwachstum: EVs, Windkraft, Robotik, industrielle Automatisierung, Drohnen, Verteidigung und zunehmend Rechenzentren benötigen hocheffiziente Elektromotoren. Die IEA erwartet bei Magnet-Seltenen-Erden außerhalb Chinas bis 2035 etwa 50 % höhere Nachfrage. IEA
- Robotik könnte der nächste große Nachfrageimpuls werden. Servomotoren benötigen zahlreiche kleine, leistungsfähige Magnete. Besonders humanoide Roboter könnten die Magnetintensität erheblich erhöhen. JL MAG produziert bereits Motorrotoren für humanoide Roboter und liefert erste Kleinserien. JL Mag
- De-Globalisierung schafft einen zusätzlichen Burggraben: Nichtchinesische Magnetkapazitäten bekommen zunehmend strategischen Wert. Selbst nach Umsetzung angekündigter Projekte würden 2035 weniger als 20 % des Magnetbedarfs außerhalb Chinas durch entsprechende Ex-China-Kapazitäten gedeckt. IEA
Bear Case Magnete
- China kann Preise ruinieren. Mit 94 % Marktanteil bei gesinterten Permanentmagneten besitzt China enorme Skalenvorteile. Neue westliche Fabriken müssen gegen chinesische Anbieter antreten, deren Kostenstrukturen oftmals deutlich niedriger sind. Politik muss deshalb teilweise Wirtschaftlichkeit ersetzen.
- Technologische Substitution: Autohersteller entwickeln Motoren mit weniger oder ganz ohne Seltene Erden. Permanentmagnet-Synchronmotoren sind hervorragend, aber keineswegs die einzige Motortechnologie. Stark steigende NdPr-Preise würden den Substitutionsdruck beschleunigen.
- Rohstoffpreis ≠ Magnetgewinn: Steigende Preise für Neodym, Dysprosium oder Terbium helfen Minengesellschaften zunächst, können bei Magnetherstellern aber die Marge belasten. Außerdem entstehen erhebliche neue Kapazitäten, sodass aus strategischer Knappheit irgendwann industrielle Überkapazität werden kann. Menschen sind ausgesprochen begabt darin, auf einen Engpass mit fünf gleichzeitig gebauten Fabriken zu reagieren.
Welche börsennotierten Unternehmen sind interessant?
Dabei bezeichnet das „Magnet-Exposure“ nur die Direktheit des Geschäftsmodells zum Magnetthema, ausdrücklich keine Aktienbewertung oder Kaufempfehlung.
Ich würde die Aktien in zwei Kategorien trennen. 1. Echte Magnethersteller und 2. Vertikal integrierte Hersteller
- Neo Performance Materials – TSX: NEO Die spannendste europäische Magnetstory.
Neo besitzt mit Silmet in Estland bereits eine europäische Seltene-Erden-Verarbeitung und hat dort eine neue NdFeB-Magnetfabrik aufgebaut. Seit September 2026 läuft die kommerzielle Produktion; erste gesinterte Magnete werden an einen Tier-1-Hersteller von EV-Traktionsmotoren geliefert. Damit entsteht etwas, was Europa bislang praktisch nicht besitzt: eine relevante lokale Wertschöpfungskette vom Material bis zum Magneten.
Plus: direkter Profiteur europäischer strategischer Autonomie und noch relativ kleines Unternehmen.
Minus: Hochlauf- und Auslastungsrisiko der neuen Fabrik Research-Interesse: sehr hoch.
TDK – 6762 Tokio TDK produziert sowohl NdFeB- als auch Ferritmagnete und ist stark im Automobilbereich. NdFeB-Magnete werden unter anderem direkt in EV-Traktionsmotoren eingesetzt. TDK
Aber auch hier gilt: TDK ist hauptsächlich ein breit diversifizierter Elektronikkonzern. Sensoren, passive Bauteile und Energiespeicher sind wirtschaftlich mindestens ebenso relevant.
Research-Interesse: mittel bis hoch.
2. Vom Rohstoff bis zum Magneten
MP Materials – NYSE: MP
MP ist möglicherweise der interessanteste westliche vertikal integrierte Magnet-Case.
Ausgangspunkt ist Mountain Pass, die wichtigste US-Seltenerdmine. In Fort Worth produziert MP inzwischen aus raffinierten Seltenen Erden Metall, Legierungen und fertige NdFeB-Magnete. MP Materials
Und jetzt wird kräftig nachgelegt: Im Februar 2026 kündigte MP den neuen „10X“-Magnetkomplex in Texas an. Geplantes Investment: mehr als 1,25 Mrd. USD. Unterstützt wird der Aufbau durch eine langfristige Abnahmevereinbarung mit dem US-Verteidigungsministerium. Das ist keine gewöhnliche Magnetfirma mehr, sondern der Versuch, eine vollständig amerikanische Mine-to-Magnet-Kette aufzubauen.
Research-Interesse: sehr hoch, allerdings viel strategische Begeisterung (zuviel?)
Fazit: BULL
- Burggraben: Hochleistungsmagnete sind technisch wesentlich komplexer, als das Endprodukt vermuten lässt. Materialrezepturen, Pulvermetallurgie, Sinterung, Grain-Boundary-Diffusion, Beschichtung und kundenspezifisches Motordesign bilden erhebliche Eintrittsbarrieren. Die IEA weist beispielsweise darauf hin, dass zentrale Magnetproduktionstechnologien patentiert und Spezialanlagen außerhalb Chinas knapp sind. IEA
- Bewertung: Der Sektor muss differenziert betrachtet werden. Bei chinesischen Pure-Plays erhält man direkten Magnet-Hebel, trägt aber China-Risiko. Bei MP zahlt man zusätzlich für die geopolitische US-Story. Shin-Etsu ist qualitativ weniger spekulativ, verwässert den Magnet-Case aber durch andere Geschäfte. Neo könnte hier das interessanteste asymmetrische Ex-China-Exposure besitzen, weil die europäische Produktion gerade erst kommerziell hochläuft.
- Entscheidung: BULL. Nicht primär wegen Elektroautos. Der stärkere Case ist die Kombination aus Robotik + Automatisierung + Verteidigung + Elektrifizierung + westlicher Reindustrialisierung der Magnetlieferkette. China produziert heute 94 % der gesinterten Permanentmagnete. Schon eine moderate Diversifikation dieses gigantischen Ungleichgewichts eröffnet westlichen Anbietern eine ungewöhnlich große Wachstumschance. IEA
Für eine vertiefte Einzelaktienanalyse würde ich deshalb besonders drei Namen auf die Agenda setzen: Neo Performance Materials, JL MAG und MP Materials. Sie repräsentieren drei sehr unterschiedliche Wetten auf dasselbe Thema: Europa baut eine neue Lieferkette auf, China verteidigt seine Dominanz, und die USA versuchen mit Milliarden eine eigene Industrie zu erzwingen.
Research-Watchlist
| Unternehmen | Börse | Magnet-Exposure | Besonderheit |
| JL MAG | HK/Shenzhen | ★★★★★ | NdFeB-Pure-Play |
| Neo Performance Materials | Toronto | ★★★★★ | europäische Magnetproduktion |
| MP Materials | NYSE | ★★★★☆ | US Mine-to-Magnet |
| Shin-Etsu Chemical | Tokio | ★★★☆☆ | Technologie-/Qualitätsführer |
| Lynas Rare Earths | Sydney | ★★★☆☆ | Rohstofflieferant außerhalb Chinas |
| TDK | Tokio | ★★☆☆☆ | diversifizierter Elektronikkonzern |
| Daido Steel | Tokio | ★★☆☆☆ | Spezialmaterialien + Magnete |
Dabei bezeichnet das „Magnet-Exposure“ nur die Direktheit des Geschäftsmodells zum Magnetthema, ausdrücklich keine Aktienbewertung oder Kaufempfehlung.
JL MAG Rare-Earth – 06680 HK / 300748 Shenzhen
Für mich der reinste börsennotierte Magnet-Play.
Das chinesische Unternehmen produziert Hochleistungs-NdFeB-Magnete und zunehmend komplette Magnetkomponenten und Rotoren. Anwendungen sind EVs, Windkraft, Klimaanlagen, industrielle Servomotoren, Robotik, 3C und Bahntechnik. JL MAG ist sowohl in Shenzhen als auch Hongkong notiert. Besonders interessant ist Robotik: JL MAG entwickelt bereits Motorrotoren für humanoide Roboter mit internationalen Technologieunternehmen. JL Mag
Plus: sehr direkter Magnet-Hebel, Skalenvorteile, chinesische Supply Chain.
Minus: China-/Governance-Risiko und damit genau Teil jener chinesischen Dominanz, von der der Westen unabhängiger werden möchte. Research-Interesse: sehr hoch.
Shin-Etsu Chemical – 4063 Tokio
Qualitativ wahrscheinlich der stärkste Konzern der Gruppe.
Shin-Etsu gehört zu den führenden Herstellern von Hochleistungs-NdFeB-Magneten. Einsatzgebiete sind EV- und Hybridmotoren, elektrische Servolenkungen, Industrieroboter und Haushaltsgeräte. Das Unternehmen beherrscht dabei einen großen Teil der Wertschöpfung von Seltenen Erden bis zum Magnetdesign. Shinetsu
Der Nachteil für unseren Investment-Case: Shin-Etsu ist kein Magnet-Pure-Play. Der Konzern produziert außerdem Halbleiter-Wafer, PVC, Silikone, Photoresists und andere Spezialmaterialien. Shinetsu
Plus: Technologie, Patente, Qualität und starke industrielle Position.
Minus: Magnetwachstum bewegt den gesamten Konzern weniger stark.
Research-Interesse: hoch, aber eher Qualitätsaktie als Magnet-Spekulation.
TDK – 6762 Tokio
TDK produziert sowohl NdFeB- als auch Ferritmagnete und ist stark im Automobilbereich. NdFeB-Magnete werden unter anderem direkt in EV-Traktionsmotoren eingesetzt. TDK
Aber auch hier gilt: TDK ist hauptsächlich ein breit diversifizierter Elektronikkonzern. Sensoren, passive Bauteile und Energiespeicher sind wirtschaftlich mindestens ebenso relevant.
Research-Interesse: mittel bis hoch.
Lynas Rare Earths – ASX: LYC
Lynas ist kein eigentlicher Magnethersteller, gehört aber zwingend in das Thema.
Das Unternehmen betreibt die Mt-Weld-Mine in Australien und verarbeitet Seltene Erden in Malaysia. Lynas bezeichnet sich als einzigen kommerziellen Produzenten außerhalb Chinas, der sowohl separierte leichte als auch schwere Seltene Erden herstellt. Dazu gehören NdPr sowie Dysprosium und Terbium, also genau die zentralen Rohstoffe für Hochleistungsmagnete. Lynas Rare Earths
Damit ist Lynas der Rohstoff-Pick-and-Shovel-Play des Magnetthemas.
Research-Interesse: hoch, wenn man eher auf Knappheit bei Seltenen Erden als auf die Margen der Magnetherstellung setzen möchte.
3. Der weniger offensichtliche japanische Kandidat
Daido Steel – 5471 Tokio
Daido Steel ist über seine Magnetaktivitäten ebenfalls interessant. Der Konzern ist in Spezialstählen und Hochleistungsmaterialien tätig und besitzt Know-how bei NdFeB-Magneten. Die Aktie ist an der Tokyo Stock Exchange Prime notiert. 大同特殊鋼
Aber ähnlich wie Shin-Etsu gilt: Magnete sind nur ein Teil eines größeren Materialkonzerns.