Die Debatte um eine Fusion oder Übernahme der Commerzbank durch UniCredit ist vielschichtiger als die übliche Schlagzeile „Deutschland will seine Bank nicht verkaufen“. Tatsächlich treffen hier zwei sehr unterschiedliche Wirtschafts- und Staatsmodelle aufeinander.
Die ökonomischen Vorteile aus Sicht eines Aktionärs
1. Größere Skaleneffekte
Banken werden immer IT-lastiger. Diese Kosten steigen kaum linear mit der Größe. Eine größere Bank kann sie deutlich besser verteilen.
- Compliance
- KI
- Zahlungsverkehr
- Cybersecurity
- Cloud
2. Europäischer Champion
Europa besitzt im Investment Banking kaum noch echte Schwergewichte. Vergleicht man
- JPMorgan Chase
- Bank of America
- Goldman Sachs
mit den europäischen Instituten, wird der Größenunterschied offensichtlich.
Eine stärkere UniCredit könnte grenzüberschreitende Unternehmen besser begleiten.
3. Höhere Profitabilität
UniCredit erzielt inzwischen eine Eigenkapitalrendite, von der viele deutsche Banken lange nur träumen konnten. Ein italienisches Management würde vermutlich
- Filialen schließen
- Doppelstrukturen abbauen
- IT vereinheitlichen
- Kosten aggressiver reduzieren. Für Aktionäre wäre das wahrscheinlich positiv.
4. Europäische Kapitalmarktunion
Die EU spricht seit Jahren davon, einen echten europäischen Bankenmarkt zu schaffen. Man kann schlecht ständig europäische Integration fordern und dann bei jeder größeren Fusion nationale Schutzmauern hochziehen.
Die Nachteile
Deutschland besitzt kein zentralistisches Bankensystem
Hier unterscheidet sich Deutschland fundamental von Frankreich oder Großbritannien.
Frankreich: Paris dominiert Wirtschaft
- wenige Großbanken
- wenige Machtzentren
Großbritannien: London dominiert praktisch alles
Deutschland dagegen:
- München, Frankfurt, Hamburg, Stuttgart, Köln, Berlin, Düsseldorf
- Nürnberg, Hannover, Leipzig, Dresden u.a. : alle besitzen relevante Wirtschaftskraft.
Dasselbe gilt für die Banken. Neben den Privatbanken existieren
- Sparkassen
- Volks- und Raiffeisenbanken + Landesbanken
+ Förderbanken Diese Struktur ist hist. gewachsen und finanziert vor allem den Mittelstand.
Regionalität ist wirtschaftlich durchaus sinnvoll
Der Geschäftsführer einer Sparkasse in Ostwestfalen kennt seine Unternehmen häufig besser als irgendein Kreditkomitee in Mailand oder London.
Viele Mittelständler schätzen genau diese Nähe. Man sollte diesen Vorteil nicht unterschätzen.
Gefahr der Zentralisierung
Große intl. Banken treffen Entscheidungen naturgemäß zentral. Dadurch entstehen Risiken:
- weniger regionale Kreditkompetenz
- stärkere Standardisierung
- geringere Flexibilität Gerade Deutschlands exportorientierter Mittelstand profitiert bislang von regionalen Entscheidungswegen.
Politische Dimension
Die Bundesregierung betrachtet die Commerzbank auch als Infrastruktur. Sie finanziert
- Mittelstand
- Außenhandel
- Export
In Krisenzeiten möchte man ungern erleben, dass strategische Entscheidungen ausschließlich im Ausland getroffen werden. Das ist kein rein deutsches Phänomen.
Frankreich würde wahrscheinlich ähnlich reagieren. Italien ebenso.
Selbst Spanien oder die Niederlande schützen ihre Banken durchaus, wenn nationale Interessen berührt werden.
Ist die deutsche Haltung provinziell?
Nur teilweise. Ein Vergleich mit Krankenhäusern ist interessant. Viele Landkreise kämpfen erbittert um ein Krankenhaus, obwohl
- die Auslastung gering ist,
- Spezialisten fehlen,
- das Nachbarkrankenhaus zehn Kilometer entfernt liegt.
Hier dominieren häufig
- Lokalpolitik
- Emotionen
- Prestige.
Ökonomisch ergibt das oft wenig Sinn.
Bei der Commerzbank ist die Situation jedoch komplexer: Eine Großbank ist keine Kreisklinik.
Sie gehört zur kritischen Finanzinfrastruktur. Die Frage lautet also nicht:
„Ist der Eigentümer deutsch?“
Sondern „Bleiben strategische Funktionen, Kreditversorgung und Entscheidungszentren erhalten?“ Das sind legitime industriepolitische Fragen.
Andererseits gibt es durchaus deutschen Provinzialismus
Deutschland besitzt traditionell eine starke föderale Kultur. Diese führt häufig dazu, dass man bestehende Strukturen sehr lange konserviert. Beispiele:
- Landesbanken
- Sparkassenstrukturen
- Krankenhäuser
- Universitäten
- Behördenstandorte
- Gerichte
Oft existieren erhebliche Doppelstrukturen, was die Kosten erhöht. Andere Länder zentralisieren schneller. Deutschland optimiert dafür häufig Stabilität statt Effizienz.
Würde London oder Paris anders handeln?
Ja.
In London gäbe es vermutlich deutlich weniger politischen Widerstand, sofern Wettbewerbsrecht und Finanzaufsicht zustimmen.
Paris wiederum ist zentralistischer organisiert, aber der französische Staat greift traditionell stark ein, wenn er „nationale Champions“ gefährdet sieht. Dort wäre eine Übernahme durch ein ausländisches Institut also keineswegs automatisch willkommen. Der Unterschied liegt weniger im Zentralismus als in der Art staatlicher Steuerung.
Mein Fazit
Ein nüchterner Blick auf die konkreten Auswirkungen und Bedingungen ist überzeugender als ein pauschales „deutsch muss deutsch bleiben“ oder ebenso pauschales „größer ist immer besser“.
Ich würde leicht die Vorteile einer Fusion oder Übernahme übergewichten, allerdings unter Bedingungen.
Warum?
- Europas Bankenmarkt ist noch immer zu fragmentiert.
- Größere Institute könnten international besser konkurrieren.
- Die Kostenbasis ließe sich erheblich verbessern.
- Aktionäre würden wahrscheinlich profitieren.
Aber: Ich würde verlangen, dass
- das Firmenkundengeschäft in Deutschland substanzielle Entscheidungskompetenzen behält,
- die Finanzierung des Mittelstands nicht geschwächt wird,
- wesentliche Funktionen und qualifizierte Arbeitsplätze in Deutschland erhalten bleiben.
Die größte Gefahr sehe ich nicht darin, dass eine italienische Bank Eigentümerin wäre. Die größte Gefahr wäre vielmehr eine übermäßige Zentralisierung, bei der regionale Marktkenntnis und Kundennähe verlorengehen.
Umgekehrt halte ich es für problematisch, aus rein nationalem Reflex jede grenzüberschreitende Konsolidierung abzulehnen.
Europa fordert seit Jahren einen integrierten Kapital- und Bankenmarkt; wenn solche Zusammenschlüsse dann grundsätzlich blockiert werden, bleibt dieses Ziel ein politisches Schlagwort statt wirtschaftlicher Realität.
Aber am Ende interessiert uns aber alle die Frage, da die Übernahme nicht mehr zu verhindert ist, ob die Aktie der UniCredit denn jetzt ein Kauf ist oder nicht?
Unsere Einschätzung: Normalerweise heißt es ja „kaufe den Sieger“.
Im Falle der Unicredit würden wir das aber eher kritisch sehen. Auch die UniCredit hat so ihre Probleme. Also lieber nicht kaufen!!!!