Sodom und Gomorra
In der großen weiten Welt des Internets wimmelt es von vermeintlich hochschlauen Frauen und Männern, die vor allem eines draufhaben: Sie wissen genau, wie man an der Börse zu Geld kommt. Zu ganz viel Kohle, versteht sich. Sie kennen exakt die 10 Aktien, mit denen man garantiert Millionär wird, sie verweisen auf ihre sagenhaften Kursgewinne mit der Foreverrich AG und so weiter und so fort.
Kurzum. Das gesamte Social Media Spektrum von Tiktok, Instagram & Co. ist ein Eldorado für Leute, die genau wissen, wie der Börsenhase läuft. Der Konsument dieser Ratschläge staunt sich einen Ast über deren Coolness und läuft vor allem Gefahr, diesen vermeintlichen Ratgebern auf den Leim zu gehen. Und weil ich von immer mehr Lesern auf dieses Phänomen aufmerksam gemacht worden bin, ist es eben zu der heutigen Kolumne gekommen.
Nun kann man es sich ganz einfach machen und sagen, alles, was im Internet zum Thema Geldanlage und Börsentipps so geboten wird, ist totaler Mist und daher, Finger weg von all dem Zeugs da. Aber so einfach will ich es mir und meinen Lesern nicht machen, sondern schon etwas fundamentaler an die Thematik rangehen.
Auf die Frage, wie gut oder wie schlecht sind die Börsentipps in Social Media, bin ich auf eine Studie des britischen Daytrading.com Portals gestoßen. Die haben nämlich bei Tiktok eine spezielle Anlageplattform, nämlich „Fintok“ untersucht, und zwar nach der Qualität der ausgespielten Videos. Dort finden Anleger millionenfach geklickte Videos und eben diese Videos wurden nach den Kriterien sachliche Richtigkeit, Risikoaufklärung, übermäßige Vereinfachung und ihr Bildungswert untersucht und gewichtet.
Das Ergebnis des Portals Daytrading.com ist ausgesprochen negativ. Die Fintok Videos sind in der großen Mehrheit von zweifelhafter Qualität. Noch schlimmer, die Ergebnisse haben sich im Laufe der Zeit sogar noch verschlechtert.
Wie kann das sein? Das Problem liegt bei Tiktok und dessen Algorithmus selbst, was aber auch für andere Social Media Plattformen wie Instagram und Facebook gilt. Der Algorithmus belohnt nicht etwa Qualität (wie es sein müsste), sondern emotionale Behauptungen. Je verlockender die Behauptung, desto stärker die Belohnung durch Social Media in Form von vermehrten Videoeinspielungen für andere Nutzer. Ganz schlimm: das Narrativ vom garantierten Reichtum durch schnelles Traden und das am besten noch kreditfinanziert. Das sorgt für Brummen im Account.
Wer jetzt noch gerne ein Beispiel aus dem wahren Leben braucht, bitte schön. Ich bin kürzlich von einem Leser (Danke nochmal nach Hamburg) nach „Velora Xuni“ gefragt worden.
Velora Xuni, Plattform zur „Portfolio-Optimierung?
Ja, Velora Xuni ist mir durchaus bekannt – allerdings leider nicht für seriöse Finanzgeschäfte. Kurz gesagt: Lass am besten die Finger davon.
Offiziell präsentiert sich Velora Xuni (velora-xuni.com bzw. velora-xuni.de) als hochentwickelte, KI-gestützte Plattform zur Portfolio-Optimierung.
In der Realität gibt es jedoch massive Warnsignale, die sehr deutlich auf Online-Anlagebetrug hindeuten.
Hier sind die wichtigsten Gründe, warum du bei dieser Plattform extrem vorsichtig sein solltest:
• Fake-Werbung mit Prominenten: Die Plattform wirbt illegal mit gefälschten Empfehlungen und Bildern bekannter Persönlichkeiten (darunter Annalena Baerbock, Boris Pistorius, Hasso Plattner und Klaas Heufer-Umlauf). Das ist eine altbekannte Masche von betrügerischen Trading-Plattformen, um Vertrauen vorzutäuschen.
• Verbindungen zu anderen Dubiosen Seiten: Es gibt eine enge Verknüpfung zu einer fast identischen Plattform namens Xoneri Valu. Oft stecken hinter solchen Netzwerken dieselben Täter, die unter immer neuen Namen („White Label“-Plattformen) Opfer anlocken.
• Anwaltswarnungen: Erste auf Anlagebetrug spezialisierte Kanzleien warnen bereits ausdrücklich vor Velora Xuni, weil sich betroffene Anleger gemeldet haben, die ihr eingezahltes Geld nicht mehr zurückerhalten.
• Fehlerhaftes Impressum: Die auf der Website angegebene Adresse (Friedrichstraße 112, München, 80331) ist unstimmig. Die Postleitzahl 80331 gehört zur Münchner Altstadt, während die Friedrichstraße in München im Stadtteil Schwabing liegt und die Postleitzahl 80801 hat. Solche erfundenen Adressdaten sind typisch für Scheinfirmen.
Wichtiger Rat: Zahle dort unter keinen Umständen Geld ein. Falls du bereits Geld überwiesen hast, solltest du den Kontakt abbrechen, keine weiteren „Gebühren“ oder „Steuern“ für angebliche Auszahlungen zahlen und dich umgehend an einen Anwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht oder die Polizei wenden.
Merke also: Sodom und Gomorra sind nicht versunken oder verschwunden. Ganz im Gegenteil, im weiten Meer des Internets wieder auferstanden.
Bleiben Sie mir gewogen, ich bin Ihnen ebenso verbunden.
Über Anregungen für Themenvorschläge freue ich mich sehr.
Stets, Ihr
Reinhold Rombach
„Börsebius“
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