Über die erstaunliche Wiedergeburt von Zertifikaten
Welche Wertpapiere wurden in Deutschland im Jahre 2007 am meisten verkauft? Richtig, Zertifikate. Mit einem Volumen von 135 Milliarden Euro zählten Zertifikate zu den Kassenschlagern vor allem an den Banktresen von Volksbanken und Sparkassen.
Das ging aber nur so lange gut bis zum berüchtigten Lehman Crash. Der damalige Zertifikate König „Lehmann Brothers“ wurde zahlungsunfähig. Auf einen Schlag lernten Millionen von Bankkunden das sogenannte „Emittentenrisiko“ kennen, will heißen, der Totalverlust dieser Papiere war eingetreten, und zwar in voller Breite.
Nichts ahnende Sparer, vor allem die sogenannten kleinen Leute, wurden damals um ihr Geld gebracht und ich hätte geschworen, dass diese Produktkategorie niemals mehr reüssieren könnte. Wie soll man denn in einem vernünftigen Marketing mit so einem Katastrophenpapier gute Werbung machen können?
So kann man sich irren. Zeit heilt offenbar viele Wunden, auch die im Kopf, und so gibt es die sehr erstaunliche Tatsache zu berichten, dass im letzten Jahr der Absatz von Zertifikaten die Marke rund 100 Milliarden (!!!) Euro erreicht hat.
Getragen wird dieses ganz erstaunliche Comeback von Zertifikaten vor allem vom Sparkassensektor. Nehmen wir einmal die DekaBank, das Fondsvertriebsinstrument der Sparkassen. Die DekaBank verkaufte im vergangenen Jahr Investmentfonds für 19 Milliarden Euro, Zertifikate immerhin für 15,5 Milliarden, was ja auch ein ziemlicher Batzen ist. (Quelle übrigens der Geschäftsbericht 2025 der DekaBank). Vorbei anscheinend die Zeiten, in denen Anlageberater Zertifikate nicht mal mehr mit spitzen Fingern anfassen wollten.
Blumige Namen und attraktive Gestaltung
Doch wie schafft man es bloß, einen Markt, der komplett zerschossen war, wieder auf die Erfolgsspur zu bringen? Ganz einfach: Das Produkt mit einem blumigen Namen versehen wie etwa „Memory“ und dann zur Quasiberuhigung noch „Airbag“. Und schon wird ein Schuh draus, genauer ein strukturiertes Produkt.
Wie sich das gehört, will ich auch noch ein Beispiel nennen, das sehr aktuell ist und sogar noch in der Zeichnungsfrist, die bis 28.09. geht.
Die DekaBank bietet derzeit sogenannte „Express-Zertifikate Memory mit Airbag“ an, die den Kunden vor allem in den Sparkassen angeboten werden. Zeichnungsfrist ist noch bis 28.09.2026.

Und nun?
Was bei diesen Angeboten der Quasi-Knaller ist, sind die hohen Zinssätze, etwa beim Aixtron Zertifikat fulminante 15 Prozent.
Aber: In der Finanzwelt gibt es keine Geschenke: Eine Chance auf 15 % Rendite bedeutet immer, dass irgendwo ein entsprechend hohes Risiko im Konstrukt verborgen liegt.
Bei einem Memory Express-Zertifikat mit Airbag der DekaBank zahlt die Bank die hohe Rendite nicht aus Großzügigkeit, sondern weil Sie als Anleger der Bank wesentliche Risiken abnehmen.
Das sind die also zentralen Haken an diesem Produkt:
1. Das Marktrisiko und der „Airbag“ (Der größte Haken)
- Die Barriere: Fällt der Basiswert (z. B. eine Aktie oder ein Index) am Laufzeitende unter eine bestimmte Barriere (z. B. 65 % des Startwerts), greift der Puffer nicht mehr voll.
- Was der Airbag wirklich tut: Der „Airbag“ verhindert im Ernstfall nicht den Verlust, sondern mildert ihn nur ab. Fällt die Aktie unter die Barriere, bekommen Sie keine Rückzahlung von 100 % des Nennwerts, sondern Aktien geliefert (oder deren Gegenwert ausgezahlt) – berechnet ab dem Airbag-Level (z. B. 80 %). Sie erleiden also trotzdem einen spürbaren Verlust, der oft deutlich höher ist als der kumulierte Zinsgewinn.
2. Begrenztes Gewinnpotenzial (Gedecktes Risiko-Rendite-Profil)
- Sie tragen das volle Kursverlustrisiko der zugrundeliegenden Aktie nach unten (sobald die Barriere gerissen wird).
- Nach oben hin ist Ihre Rendite jedoch strikt auf die maximal 15 % p.a. gedeckelt. Steigt die Aktie um 50 %, sehen Sie davon keinen Cent mehr. Sie tauschen also das unbegrenzte Gewinnpotenzial einer Aktie gegen eine fixe Prämie ein – tragen aber einen Großteil des Verlustrisikos.
3. Das „Memory“-Feature ist eine Karotte an der Angel
- Die Zinszahlung erfolgt nur, wenn der Basiswert an bestimmten Beobachtungstagen über der Zinsbarriere steht.
- Fällt der Kurs darunter, wird der Zins im „Gedächtnis“ (Memory) gespeichert und erst nachgezahlt, wenn der Kurs an einem späteren Stichtag wieder hoch genug steht. Bleibt die Aktie aber dauerhaft im Keller, verfällt der Zinsanspruch am Ende komplett.
4. Emittentenrisiko (DekaBank)
- Ein Zertifikat ist eine Inhaberschuldverschreibung. Sollte die DekaBank in Schieflage geraten, greift die gesetzliche Einlagensicherung nicht. Das Risiko ist bei der Deka überschaubar, formal aber vorhanden.
5. Kosten und Transparenz
- In den Emissionspreisen der Deka steigen oft versteckte Vertriebs- und Strukturierungskosten (oft 1,5 % bis 3,5 % Aufgeld/Agio oder in die Preisstellung eingerechnet). Diese Margen mindern Ihre effektive Rendite von Tag 1 an.
Fazit: Die 15 % Rendite sind eine Risikoprämie. Die Sparkasse respektive die DekaBank verkauft Ihnen im Grunde eine Art Versicherungspolice gegen Kurseinbrüche auf dem Rücken des Anlegers: Sie wetten darauf, dass eine bestimmte Aktie oder ein Index nicht stark fällt.
Dass der Kunde einfache Produkte sucht, ist verständlich, nicht aber, dass er in meinen Augen kaum auf die Risiken hingewiesen wird. Tages- und Festgelder sind meiner Meinung nach klar die bessere Alternative. Schlicht, weil sie viel besser geschützt sind. Aber dafür gibt es beim Emittenten eben auch keine Provisionen, die es einzusacken gilt.
Bleiben Sie mir gewogen, ich bin Ihnen ebenso verbunden.
Über Anregungen für Themenvorschläge freue ich mich sehr.
Stets, Ihr
Reinhold Rombach
„Börsebius“
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