#13 Palantir

Palantir gewinnt meistens dort, wo Unternehmen oder Behörden bereits riesige Datenmengen besitzen, aber daraus keine operativen Entscheidungen ableiten können.

Der Kernunterschied: Palantir verkauft kein Modell, sondern ein Betriebssystem für Entscheidungen Viele Konkurrenten bieten:

  • Datenanalyse    Dashboards
  • Data Warehouses   KI-Modelle   und Copilots

Palantir versucht dagegen:  Daten → Prozesse → Entscheidungen → Aktionen

in einer Plattform zusammenzuführen.


1. Die „Ontology“ ist vermutlich der größte Burggraben. Fast jeder Palantir-Investor spricht inzwischen über die sogenannte:

Ontology  Das ist vereinfacht eine digitale Abbildung der realen Welt eines Kunden.

Beispiel bei einer Airline: Nicht nur Tabellen und Datenbanken.

Sondern:   – Flugzeuge

  • Piloten
  • Ersatzteile
  • Wartungen
  • Flughäfen
  • Lieferketten

werden als reale Objekte mit Beziehungen modelliert. Dadurch versteht die Software:

Dieses Ersatzteil fehlt → dadurch fällt Flugzeug X aus → dadurch entstehen Kosten Y.

Viele Konkurrenten liefern Daten. Palantir versucht, die Realität des Kunden digital nachzubauen.   Morgan Stanley bezeichnete das kürzlich sinngemäß als einen der wichtigsten Wettbewerbsvorteile von Palantir.


2. Palantir sitzt direkt auf den operativen Prozessen

Das ist ein riesiger Unterschied zu vielen BI-Tools.  Bei klassischen Lösungen:

  • Daten werden analysiert
  • Berichte erstellt
  • Menschen entscheiden

Bei Palantir kann die Plattform teilweise direkt:

  • Entscheidungen vorbereiten
  • Prozesse steuern
  • Automationen auslösen und KI-Agenten kontrollieren.   

Deshalb nennt CEO Alex Karp die Systeme oft eine Art „operating system“.


3. Militärische DANN  Hier unterscheidet sich Palantir massiv von Konkurrenten.

Die Wurzeln liegen bei:  CIA, US-Geheimdiensten, Militär  und Terrorismusbekämpfung.

Produkte wie:

  • Gotham
  • AIP
  • Foundry

wurden ursprünglich für Umgebungen entwickelt, in denen Fehler lebensgefährlich sein können.

Das führt zu: extremen Sicherheitsanforderungen

  • hoher Nachvollziehbarkeit
  • komplexen Rechtekonzepten    Viele Unternehmen schätzen genau das.

4. Palantir integriert statt ersetzt

Ein weiterer Unterschied: Palantir verlangt normalerweise nicht: „Werft eure bestehende IT weg.“

Sondern: „Wir verbinden eure bestehenden Systeme.“

Die Plattform sitzt häufig über:

  • SAP
  • Oracle
  • Salesforce
  • Datenbanken
  • Sensorik
  • Produktionssystemen.

Das senkt die Hürde für Kunden.


5. Die berühmten „Forward Deployed Engineers“

Das ist wahrscheinlich der am meisten unterschätzte Teil.

Palantir schickt Ingenieure direkt zum Kunden, teilweise monatelang.

Diese Leute bauen die Plattform gemeinsam mit dem Kunden auf.

Das wirkt zunächst wie Beratung und ist es auch. Der Effekt:

  • tiefes Verständnis der Prozesse
  • hohe Kundenbindung
  • hohe Wechselkosten

Viele Konkurrenten verkaufen Software, Palantir verkauft zunächst Problemlösung und verankert danach die Software.

6. AIP ist anders als viele KI-Produkte  Die meisten KI-Anbieter konzentrieren sich auf:

  • Chatbots
  • Textgenerierung
  • Wissensabfragen

Palantirs AIP verbindet KI direkt mit operativen Daten u Aktionen. Beispiel: Ein KI-Agent erkennt:

  • Materialmangel
  • Lieferproblem
  • Wartungsrisiko

und kann anschließend Vorschläge erzeugen oder Prozesse anstoßen. Palantir verkauft deshalb weniger: „Frage die KI etwas“ und mehr:  „Lass die KI dein Unternehmen steuern.“

Genau das macht Investoren derzeit so euphorisch.

Warum die Konkurrenz das nicht einfach kopiert

Theoretisch klingt vieles kopierbar, praktisch gibt es drei Probleme:

Datenintegration ist brutal schwer   Unternehmen besitzen:

  • tausende Systeme
  • widersprüchliche Daten
  • Altsoftware
  • Insellösungen

Genau dieses Chaos zu beherrschen ist Palantirs Spezialität.   Ontologien brauchen Domänenwissen. Die digitale Abbildung eines Konzerns entsteht nicht automatisch. Sie muss gemeinsam mit dem Kunden aufgebaut werden.

Wechselkosten.  Wenn eine Bank, ein Militär oder ein Industriekonzern seine Prozesse tief in Palantir integriert hat, wird ein Wechsel extrem teuer.

Der Bear Case

Natürlich gibt es auch Kritik.  Viele Skeptiker sagen:  Palantir ist teilweise eher eine hochpreisige Beratungsfirma mit Software.  Der Vorwurf lautet:

  • viel Personaleinsatz
  • viele Ingenieure beim Kunden
  • schwierige Skalierung.

Das war lange einer der Hauptgründe, warum die Aktie skeptisch gesehen wurde.

Fazit

Technisch unterscheidet sich Palantir vor allem durch:

  1. die Ontology als digitale Abbildung realer Geschäftsprozesse,
  2. die tiefe Integration operativer Abläufe,
  3. die Verbindung von Daten, KI und Aktionen,
  4. die militärisch geprägte Sicherheitsarchitektur,
  5. den Einsatz von Forward-Deployed-Engineers.

Deshalb konkurriert Palantir nur teilweise mit Unternehmen wie Snowflake, Databricks oder Microsoft. Diese liefern oft die Infrastruktur oder die Modelle.

Palantir versucht die Ebene darüber zu besetzen: Die Schaltzentrale, die aus Daten echte Entscheidungen macht.

Genau deshalb ist die Aktie auch so umstritten. Die Bullen sehen das zukünftige Betriebssystem großer Organisationen.

Die Bären sehen eine sehr teure Spezialsoftware mit einem Bewertungsmultiplikator, bei dem selbst erfolgreiche Unternehmen normalerweise nervös werden. Beide Seiten haben nicht völlig unvernünftige Argumente. Die Börse führt darüber ein langes Streitgespräch, wie an den großen Auf- und Abschwüngen im Kursverlauf zu sehen ist.

Die ethische Debatte um Palantir ist tatsächlich weniger eine Frage der Software selbst als der Machtkonzentration, die solche Systeme ermöglichen.

Das Argument der Befürworter

Befürworter sagen:

  • Terrorismus, organisierte Kriminalität und Cyberangriffe sind heute hochgradig vernetzt.
  • Informationen liegen in Tausenden Datenbanken verstreut.
  • Menschen können die Datenmengen nicht mehr sinnvoll auswerten.
  • Systeme wie Palantir helfen lediglich dabei, vorhandene Informationen schneller zusammenzuführen.

In dieser Sichtweise ist Palantir nicht der Überwachungsstaat, sondern eher das Betriebssystem für eine moderne Sicherheitsbehörde.

Das Problem: Die technische Schwelle sinkt. Historisch war Massenüberwachung teuer und ineffizient. Die Stasi beschäftigte rund 90.000 hauptamtliche Mitarbeiter und über 170.000 Informanten. Trotzdem war ihre Informationsverarbeitung begrenzt.

Heute können KI-Systeme:

  • Bewegungsprofile erstellen,
  • Kommunikationsnetzwerke erkennen,
  • Verhaltensmuster analysieren,
  • Risikobewertungen vornehmen,
  • Personen automatisch priorisieren.

Was früher hundert Beamte benötigte, erledigt heute ein Cluster von Servern.

Das China-Szenario

In einem autoritären Staat entsteht daraus eine völlig neue Qualität:

  • Kameraüberwachung
  • Gesichtserkennung
  • Bankdaten
  • Reisebewegungen
  • Social Media
  • Gesundheitsdaten
  • Kaufverhalten

werden zu einem einzigen digitalen Profil verschmolzen.

Das erinnert an das chinesische Sozialkredit-System, wobei westliche Darstellungen davon oft überzeichnet sind. Dennoch zeigt China, wie digitale Technologien staatliche Kontrolle erheblich ausweiten können.

Warum Palantir besonders kontrovers ist

Viele Softwarefirmen liefern nur Einzelteile:

  • Datenbanken
  • KI-Modelle
  • Cloud-Infrastruktur

Palantir versucht, alles in einer operativen Plattform zusammenzuführen.

Kritiker argumentieren:

Die gefährlichste Überwachungstechnologie ist nicht die Kamera, sondern die Software, die sämtliche Datenpunkte zu einem handlungsfähigen Gesamtbild verbindet.

Genau das ist Palantirs Kernkompetenz.

Das liberale Gegenargument

Demokratien verfügen über Schutzmechanismen:

  • Gewaltenteilung
  • Gerichte
  • Datenschutzgesetze
  • parlamentarische Kontrolle
  • freie Medien

Die Technologie selbst ist nicht zwangsläufig autoritär.

Ein Polizeicomputer kann ebenso zur Aufklärung von Menschenhandel dienen wie zur Verfolgung politischer Gegner.

Das eigentliche ethische Risiko

Die entscheidende Frage lautet nicht:

„Kann Palantir einen Überwachungsstaat schaffen?“

sondern:

„Was passiert, wenn eine liberale Demokratie in 20 Jahren keine liberale Demokratie mehr ist?“

Eine Regierung, die heute rechtsstaatlich handelt, hinterlässt ihrem Nachfolger möglicherweise eine Infrastruktur, die missbraucht werden kann.

Das ist das klassische Dilemma aller Sicherheitsgesetze:

  • Heute gegen Terroristen.
  • Morgen gegen Extremisten.
  • Übermorgen gegen politische Gegner.

Technologien wie Palantir verschieben die Grenze des technisch Machbaren erheblich. Deshalb sehen manche darin eine notwendige Verteidigung westlicher Gesellschaften und andere den potenziellen Bauplan für eine digitale Variante von Orwells 1984.

Die Wahrheit liegt vermutlich dazwischen: Die größte Gefahr ist nicht die Software, sondern die politische Macht, die irgendwann Zugriff auf sie erhält. Ein Computer hat keine Ideologie. Die Menschen davor leider schon.

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Bitte beachten Sie, dass es sich beim Format Börsebius TopResearch um einen ausschließlich journalistischen Beitrag handelt und in keinem Fall um eine individuelle Anlageberatung.

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